Liebe Forscher:innen, wie wichtig ist die Pultaufstellung in der Primarschule für Kinder mit einer Störung im Autismus-Spektrum?
Liebe Nina Urech,
vielen Dank für Ihre interessante Frage.
Eine einfache Antwort darauf gibt es leider nicht. Personen aus dem Autismus-Spektrum haben, wie alle anderen Personen, sehr unterschiedliche Bedürfnisse. Manche reagieren sehr empfindlich auf Licht und Geräusche, andere nicht so sehr. Manche benötigen eine sehr intensive Struktuierung der Umwelt, andere eher weniger. So könnten wir die Beispiele noch lange weiterführen.
Die Forschungslage zur Gestaltung der Sitzordung bzw. der Einrichtung der Klassenzimmer für Kinder mit Autismusspektrumstörungen (ASS) ist nicht sehr einheitlich. Es werden jedoch folgende Punkte erwähnt, die berücksichtigt werden könnten: Geeignete Beleutung des Raums bzw. gezielte Beleuchtung des Arbeitsplatzes (Schreibtischlampe), Möglichkeiten der Beschattung durch Rollos/Jalousien, Möglichkeiten der Schalldämpfung, klar strukturierte und gekennzeichnete Zonen für unterschiedliche Aktivitäten im Klassenzimmer, Reduktion der sichtbaren Details/Dekorationen an Wänden, Rückzugsort (Uherek-Bradecka, 2020).
Manche Studien haben sich damit beschäftigt, welche Sitzmöglichkeiten sich positiv auf das Lernen und Verhalten von Kindern mit ASS auswirken. Die Resultate weisen teilweise darauf hin, dass dynamische Sitzgelegenheiten wie Therapiestühle, Sitzbälle oder Igel-Sitzkissen helfen können, dass Kinder länger konzentriert bleiben und weniger unerwünschtes Verhalten zeigen (Martinsadr et al., 2015, 2017). Es wird aber auch darauf hingewiesen, dass die Effektivität solcher dynamischen Sitzgelegenheiten stark bezüglich der individuellen sensorischen Verarbeitung der Kinder variiert (Bagatell et al., 2010).
Manche Personen mit ASS reagieren stark auf grelle Beleutung mit Neonlicht. Es kann hilfreich sein, im Klassenzimmer die Beleutung zu überprüfen. Eventuell ist es möglich, zumindest am individuellen Arbeitsplatz die Beleutung anzupassen. Rollos können zusätzlich helfen, die Sonneneinstrahlung zu regulieren, falls das Pult am Fenster steht. Ein Einzelarbeitsplatz mit klarer Kennzeichnung sowie Schall- und Sichtschutz durch Filzmatten, welche an den Seiten des Pults als Kasten montiert werden, können hilfreich sein.
Auch ein Teppich unter dem Pult, welcher den Platz von anderen Bereichen abgrenzt, ist eine Möglichkeit. Auf den Filzmatten können ausgewählte Piktrogrammen mit Klettband angebracht werden, die helfen, Aktivitäten klar zu struktuieren. Wird das Pult als Einzelarbeitsplatz, etwas abseits von anderen Arbeitsplätzen und allenfalls zur Wand hin, eingerichtet, reduziert dies den visuellen sensorischen Input durch herumlaufende Kinder.
Strukturierend wirken auch Orte, an denen fertige Aufträge abgegeben werden. So ein Ort kann ein Fach sein, welches zentral platziert ist, oder aber ein kleiner Wagen neben dem Pult mit unterschiedlichen Fächern für fertige Aufträge, neue Aufträge und andere benötigte Materialien wie bspw. einen Gehörschutz zur Geräuschreduktion. Die Wagen neben dem Pult können die Aufgabenfokussierung erhöhen, da kein Weg bis zum zentralen Fach durch ein wuselndes Klassenzimmer zurückgelegt werden muss.
Sitzbälle können eingesetzt werden, jedoch ist individuell zu beurteilen, ob diese einen positiven Effekt zeigen oder eher kontraproduktiv wirken.
Werden Inhalte frontal vermittlet, kann auf eine gute, uneingeschränkte Sicht geachtet werden. Es kann hilfreich sein, einen extra Platz für den "Frontalunterricht" einzurichten, zum Beispiel einen Hocker vor der Wandtafel. Eine "Kinobestuhlung" mit kleinen Hockern vor der Wandtafelüberigens nützt übrigens auch allen anderen Kinder, denn sie vermittelt einen klaren strukturellen Unterschied zwischen Vermittlung von Inhalten und individueller Arbeit am Arbeitsplatz.
Wird in Gruppen gearbeitet, kann es helfen, einen spezifischen Platz dafür einzurichten, z.B. einen runden Tisch oder einen Teppich am Boden. Bei Kreissequenzen kann ein Platz neben einer vertrauten erwachsenen Person helfen. Zudem sollte der Platz konsistent beibehalten werden. Zuletzt kann ein spezieller Rückzugsort eingerichtet werden, wie beispielweise eine Ruheecke mit Matratze und mit sensorischem Spielzeug, wie Igelbällen, welche die Selbstregualtion unterstützen können.
Strukturierung und Visualisierung mit Piktogrammen, Plänen kann, unabhängig von der Sitzordung sehr hilfreich sein. Ideen zur Strukturierung der Umwelt und Aufträgen bietet der TEACCH-Ansatz (Häußler, 2008). Das Buch liefert viele Ideen. Es sind aber auch im Internet viele Beispiele zur Umsetzung in Schulen zu finden.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die optimale Sitzordnung und Einrichtung des Klassenzimmers sehr indiviuell an das jeweilige Kind angepasst werden muss. Es gibt keine allgemeingültige Lösung. Ausserdem können räumliche Gegebenheiten die Möglichkeiten einschränken.
Sicherlich ist Strukturierung ein sehr wichtiges Thema. Aus Sicht der inklusiven Schule möchte ich hier betonen, dass klare Strukturen (Pläne, Visualiserung, Beschriftungen von Schränken,...) und Zonen für spezifische Aktivitäten (Gruppenarbeit, Einzelarbeit, Leseecke,...) sich nicht nur positiv auf Kinder mit ASS, sondern auf alle Kinder auswirken können. Kontinuität und möglichst gleichbleibende Stukturen helfen allen. Schliesslich erleben viele Kinder Veränderungen als Stress. Es ist deshalb nicht ideal, wenn der Sitzplatz jedes Mal nach Ferien gewechselt werden muss.
Ich hoffe, diese Antwort hilft weiter.
Freundliche Grüsse,
Katharina Antognini
Literatur:
Nancy Bagatell, Gina Mirigliani, Chrissa Patterson, Yadira Reyes, Lisa Test; Effectiveness of Therapy Ball Chairs on Classroom Participation in Children With Autism Spectrum Disorders. Am J Occup Ther November/December 2010, Vol. 64(6), 895–903. doi: https://doi.org/10.5014/ajot.2010.09149
Häußler, A. (2008). Der TEACCH-Ansatz zur Förderung von Menschen mit Autismus: Einführung in Theorie und Praxis. verlag modernes lernen.
Matinsadr, N., Haghgoo, H. A., Samadi, S. A., Rassafiani, M., & Bakhshi, E. (2015). Can Air Seat Cushions and Ball Chairs Improve Classroom Behaviors of Students with Autism Spectrum Disorder: A Single Subject Study. Journal of Rehabilitation Sciences & Research, 2(2), 31-36. doi: 10.30476/jrsr.2015.41071
MATINSADR, N., HAGHGOO, H. A., SAMADI, S. A., RASSAFIANI, M., BAKHSHI, E., & HASSANABADI, H. (2017). The Impact of Dynamic Seating on Classroom Behavior of Students with Autism Spectrum Disorder. Iranian Journal of Child Neurology, 11(1), 29–36. https://doi.org/10.22037/ijcn.v11i1.11193
Uherek-Bradecka, B. (2020, December). Classroom design for children with an autism spectrum. In IOP Conference Series: Materials Science and Engineering (Vol. 960, No. 2, p. 022100). IOP Publishing. https://iopscience.iop.org/article/10.1088/1757-899X/960/2/022100
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