Die politische und gesellschaftliche Einordnung von Substanzabhängigkeit unterscheidet sich signifikant von der wissenschaftlichen.
Liebe Forscher:in,
Geht es in der heutigen Drogenpolitik wirklich um den Schutz der Menschen?
Wenn ja, warum spiegelt die heutige Aufklärungsarbeit (vor allem in der Schule) ein Bild von Drogen wider, das beispielsweise Alkohol für ok erklärt und LSD verteufelt, obwohl die Forschung von David John Nutt eindeutig gegenteilige Resultate geliefert hat?
Wenn nein, was sind Gründe, warum besteht ein Interesse, die Drogenpolitik so weiterzuführen, wie bisher?
Warum wird uns beigebracht, dass Drogen die Ursache einer Suchterkrankung sind und nicht die eigentlichen Probleme dazu führen, dass Menschen eine Sucherkrankung erleiden, da Drogen eine einfache und per se funktionierende Lösung bieten?
Ebenfalls wenn nein, inwiefern spielt die Unterdrückung von marginalisierten Gruppen in einer Gesellschaft eine Rolle (Beispiel USA: Strafe von reinem Koks (welches meist von der weissen Bevölkerung konsumiert wird) im Vergleich zu Crack (welches – aus Gründen – mehrheitlich von PoC konsumiert wird). Meines Wissens nach könnte man viele psychische Probleme (Traumata etc.) gerade MIT psychoaktiven Substanzen lösen / verbessern, wenn die Forschung in den letzten Jahrzehnten zugelassen gewesen wäre und nicht kriminalisiert gewesen wäre.
Es gibt einen riesengrossen Unterschied zwischen politischen und gesellschaftlichen Begründungen einer Drogenabhängigkeit einerseits und wissenschaftlich fundierten Erklärungen andererseits.
Die wissenschaftlich fundierte Perspektive: Eine Drogenabhängigkeit ist NIE allein die Folge des Konsums einer bestimmten Substanz, es ist nicht allein die Substanz die abhängig macht. Eine Alkohol-, Medikamenten- oder Drogenabhängigkeit hat immer mehrere Ursachen, wobei sowohl biologische, psychologische als auch soziale Faktoren eine Rolle spielen. Die Familie spielt eine Rolle, aber auch Beziehungen zu Freundinnen und Freunden sowie Erlebnisse in der Schule oder in Vereinen.
Soziale Beziehungen und emotionale Bindungen können Menschen stärken, schlechte Erfahrungen können sie aber auch stark belasten und ihr Selbstwertgefühl schwächen. Das hat einen Einfluss darauf, wie jemand mit solchen Substanzen umgeht. Drogen, Alkohol und Medikemante können genommen werden, um gute Gefühle zu verstärken oder um schlechte Gefühle zu unterdrücken. Im zweiten Fall ist die Versuchung, Substanzen zu nehmen, umso grösser, je schlechter die Gefühle sind. Das erhöht das Risiko einer Abhängigkeit. Und zwar sowohl von Alkohol und Medikamenten als auch von illegalen Drogen.
Drogen sind auch Medikamente und Medikamente sind auch Drogen. Wird aber jemand von ärztlich verschriebenen Medikamenten abhängig (z.B. einem opioidhaltigen Schmerzmittel), betrachten wir diese Person als Opfer. Wird sie von einer illegalen Droge mit genau demselben Wirkstoff abhängig (z.B. Heroin), betrachten wir dieselbe Person als Täterin, die etwas Illegales tut. Es geht also nicht um die Wirkung der Substanz, sondern um die Frage, ob diese gesellschaftlich, politisch und rechtlich akzeptiert wird oder nicht. Auch Cannabis, LSD oder Schmerzmittel können auf legale Weise mit einer ärztlichen Verordnung oder auf illegale Weise appliziert werden. Der Wirkstoff und die Wirkung bleiben immer gleich, ausser dass illegal erworbener Stoff häufig nicht rein und damit schädlicher ist.
Die politische Sichtweise: Bei der Politik geht es darum, eine bestimmte gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnung durchzusetzen. Dahinter stehen handfeste Interessen, aber auch weltanschauliche und religiöse Wertvorstellungen. Die Politik sagt, was sein soll, und wie sich Bürger:innen eines Staates verhalten sollen. Nur so lässt sich erklären, weshalb eine Abhängigkeit von einer illegalen Drogen anders behandelt wird als eine Abhängigkeit von Alkohol oder Medikamenten.
Gemäss schweizerischem Strassenverkehrsgesetz zum Beispiel gilt eine Person als drogenabhängig, wenn sie eine illegale Substanz mehr als zweimal pro Woche konsumiert. Bei Alkohol braucht es dafür eine medizinische Diagnose. Diese Unterscheidung zwischen einer Alkohol- und einer Drogenabhängigkeit ist wissenschaftlich nicht haltbar, es gibt nur ein Diagnosesystem für alle Substanzabhängigkeiten. Aber das schweizerische Parlament hat dieses Regelung beschlossen, weil es Konsumierende illegaler Drogen stärker disziplinieren will als Alkoholkonsumierende. Und dies obwohl mehr Verkehrsunfälle infolge von Alkoholkonsum registriert werden als infolge von Drogenkonsum. Wäre der Gesetzgeber bei Alkohol gleich streng wie bei illegalen Drogen, täte er mehr für die Verkehrssicherheit. Möglicherweise gäbe es dagegen aber auch mehr Widerstand aus der Bevölkerung.
Die Frage ist in der Politik also immer, welche Bevölkerungsgruppen ihre Vorstellung von Ordnung durchsetzen und welche nicht. In einer Demokratie werden solche Entscheide durch Abstimmungen getroffen und durch Wahlen beeinflusst. Wenn wir unsere aktuelle Drogenpolitik also als widersprüchlich und teilweise auch als unmenschlich empfinden, wie ich das tue, müssen wir uns fragen, wie wir andere Menschen davon überzeugen können, sie zu ändern.
Die individuelle Sichtweise: Unsere Moralvorstellungen werden stark von der Frage nach der Verantwortung bzw. nach der Schuld geprägt. Verantwortet ein Mensch ein Problem nicht selbst, sind wir intuitiv eher bereit, ihm zu helfen, als wenn wir finden, dass er sich selbst in sein Schlamassel hineingeritten habe. Niemand würde einer Diabetikerin die Insulinspritze verweigern. Einer Drogenabhängigen werden in Spitälern aber immer mal wieder Medikamente verweigert. Aber nicht nur das: Manchmal wird auch auf Untersuchungen und Behandlungen verzichtet, die bei nicht Drogenbhängigen selbstverständlich wären. Es wird dann zum Beispiel gesagt, die Person müsse zuerst von der Droge wegkommen, denn solange sie sich mit Drogen selber schade, lohne sich eine Behandlung nicht etc. Das wäre in etwa dasselbe, wenn einem verletzten Autofahrer nach einem Unfall die Behandlung verweigert würde, weil er den Unfall in angetrunkenem Zustand verursacht hat. Im Fall der illegalen Droge wird die Selbstverantwortung aber höher gewichtet als im Fall von Alkohol. Weil das eine Verhalten gesellschaftlich akzeptiert ist und das andere nicht.
Wenn wir die Drogenpolitik ändern wollen, müssen wir unser Denken über Substanzen verändern und vor allem unsere Einstellungen zu den Menschen, die diese Substanzen konsumieren.
Herzlichen Dank für die genaue und informative Antwort.