War die Dunkelziffer an psychischen Erkrankungen bei jungen Menschen früher höher?

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Liebe Forscher:in

Haben Jugendliche heutzutage schneller das Gefühl ein psychisches Problem zu haben bzw. werden sie schneller damit diagnostiziert, da mittlerweile so viel und transparent darüber gesprochen wird?

Liebe Lena

Danke für deine interessante Frage. Sie ist komplex und sie enthält mehrere Teilfragen, auf die ich einzeln kurz eingehe.

Zuerst: Was bedeutet in diesem Zusammenhang «früher»?

«Früher» ist natürlich in der Geschichte ein relativer Begriff. Deine Frage bezieht sich auf die Geschichte der Psychiatrie. Und da die moderne Psychiatrie sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte und die modernen psychiatrischen Kliniken auch in dieser Zeit entstanden, verstehe ich hier unter «früher» also etwa die Zeit zwischen 1870 bis 1970. Ab den 1970er-Jahren wandelte sich die Psychiatrie dann stark in in Richtung «heute».

Andere Zeiten, andere Diagnosen

Wenn wir früher mit heute vergleichen, müssen wir zuerst fragen: Was gilt zu welcher Zeit als psychische Erkrankung? Was kann also in einer Zeit überhaupt als ein «psychisches Problem» wahrgenommen und beschrieben werden?

Eine Diagnose ist quasi eine Beschreibung eines psychischen Problems. Psychiatrische Diagnosen ändern sich laufend. Das heisst, die Definition davon, was eine psychische Erkrankung oder ein psychisches Problem ist, wandelte sich im Lauf der Zeit ständig. Manche Diagnosen, die früher auch bei jungen Menschen gestellt wurden, existieren heute nicht mehr, andere Diagnosen entstanden neu.

Ein Beispiel dafür ist die «Oligophrenie». Als oligophren wurden Menschen mit einer angeborenen Intelligenzminderung bezeichnet. Diese Menschen wurden, oft auch schon als Kinder oder Jugendliche, in Psychiatrien betreut oder untergebracht. Heute gilt eine verminderte Intelligenz oder eine kognitive Einschränkung nicht mehr als psychiatrische Diagnose oder als «psychisches Problem». Und etwa seit den 1970er-Jahren existieren andere Institutionen, die sich um Menschen mit kognitiven Einschränkungen kümmern.

Als zweites Beispiel kann die «pupertäre Hysterie» angeführt werden, eine Diagnose, die bei jungen Frauen gestellt wurde, wenn sie in ihrer Entwicklung starke Konflikte oder Probleme zeigten, sich auffällig verhielten, sich den geltenden Regeln und Normen ihrer Zeit widersetzten, wenn sie also sogenannt «hysterische Anfälle» hatten. Die Diagnose «Hysterie» wird schon seit rund 50 Jahren nicht mehr gestellt. Psychische Probleme, die während der Entwicklung der Persönlichkeit in der Jugend auftreten können, werden heute differenzierter beschrieben, interpretiert und behandelt.

Auf der anderen Seite taucht die Diagnose ADHS in den diagnostischen Handbüchern der Psychiatrie erstmals 1980 auf. Dies bedeutet also: Obwohl Kinder und Jugendliche schon vor 1980 hyperaktiv oder unkonzentriert sein konnten, konnte bei ihnen nicht ADHS diagnostiziert werden.

Aber ganz klar, auch schon früher wurden Menschen, die nicht den damals geltenden Normen und Regeln entsprachen oder sich sogar aktiv widersetzten, die also nicht «normal» waren, in irgendeiner Weise diagnostiziert, behandelt, «korrigiert». Auch früher wurden Diagnosen gestellt, doch oft andere als heute. Und auch die Art der Behandlung ist heute anders.

Der Wandel der Diagnosen hat also für die Beantwortung der Frage eine grosse und grundlegende Bedeutung!

Psychische Probleme junger Menschen heutzutage

Aktuelle Statistiken und Berichte in den Medien legen eindeutig nahe, dass es jungen Menschen heute schlechter geht als früher. Und da stellt sich genau die Frage, die du stellst: Haben sie effektiv mehr psychische Probleme? Oder werden diese mehr wahrgenommen, geäussert, behandelt, gezählt und in den Medien kommuniziert? Beides trifft zu.

Zur Erläuterung der Antwort will ich auf Stimmen von Fachleuten aus der Psychiatrie zurückgreifen. In der Vorbereitung der Ausstellung «verrückt normal – Geschichte der Psychiatrie in Basel» im Historischen Museum Basel (September 2024 bis Juni 2025), haben wir eine sehr ähnliche Frage an 13 Fachpersonen und Betroffene gestellt. Die Antworten, unter anderem von Alain di Gallo, dem Direktor der Klinik für Kinder und Jugendliche an den Universitären Kliniken Basel, lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Psychische Belastungen und verschiedene Belastungsfaktoren gab es auch früher schon. Aber tatsächlich kommen in der aktuellen Zeit mehrere Faktoren zusammen, die es früher nicht gab und die vor allem für junge Menschen eine grosse Herausforderung darstellen. So zum Beispiel die Medien, die eine ständige Erreichbarkeit verlangen, ein permanentes Präsentsein. Das ständige Vergleichen und Verglichen-Werden in den Sozialen Medien setzt Jugendliche unter einen enormen Druck. Auch die globalen Krisen, die Umweltthematik und die Kriege sind durch die Medien omnipräsent, täglich und ständig vorhanden, was für viele Menschen belastend ist und Zukunftsängste auslösen kann.

Alain di Gallo sagt im Interview klar: Kinder und Jugendliche haben heute und in den letzten Jahren mehr psychische Probleme. Und sie suchen vor allem wegen psychischer Probleme mehr Hilfe, als dies früher der Fall war.

Er beantwortet also auch die zweite Teilfrage. Der Grund dafür ist im Grunde positiv: Psychische Probleme wurden in den letzten Jahren entstigmatisiert und enttabuisiert. Das heisst also, wir können heute offener über psychische Erkrankungen sprechen. Es gibt mehr Möglichkeiten zu sagen, dass es uns nicht gut geht. Es gibt mehr Anlaufstellen und Hilfsangebote. Die Menschen – eben auch junge Menschen – sind eher bereit, sich helfen zu lassen – und das ist gut so.

Ich hoffe, die Antwort hat dir weitergeholfen.

Liebe Grüsse

Gudrun Piller

Ganz Liebe Grüsse, Lena

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Wunderbar! Ihre Antwort hat mir weitergeholfen. Vielen Dank für Ihre Arbeit!