Liebe Forscherinnen
ich schreibe eine Selbsständige Arbeit in der FMS mit der Fragestellung : Wie kann ein Sprachförderungsprogramm die Integration von jungen Migrant:innen und Flüchtlingen unterstützen?
Ich werde mich mit der Sprachschule ECAB befassen und dort Interviews mit Kursteilnehmer:innen, Leiter:innen und Lehrpersonen führen. Nun frage ich mich, ob der Begriff "Integration" nicht zu breit ist. Mir ist klar, dass Spracherwerb ein Aspekt von Integration ist. Doch Integration umfasst ja noch viele weitere Aspekte. Welchen Teilbereich von Integration kann so ein Sprachförderprogramm überhaupt und bestenfalls abdecken?
Auch freuen würde ich mich über methodische Hinweise und Literaturangaben.
Danke und liebe Grüsse
Lieber Herr Hared
Das ist in der Tat eine komplexe Frage.
Zuerst einmal gibt es verschiedene Ansätze. Es gibt Länder wie die Schweiz, die Sprache als Voraussetzung für Integration verstehen. Dann gibt es Länder wie Kanada, wo die Sprache Teil der Integration ist. In Kanada werden beispielsweise Menschen im öffentlichen Dienst eingestellt, die die Landessprache noch nicht perfekt beherrschen, weil man davon ausgeht, dass sie die Sprache besser „on the job“ lernen. Die Einheimischen sprechen die Landessprache und können sich somit etwas anpassen. Dort ist also nicht die Sprache der Schlüssel zur Integration, sondern die Arbeit.
Bis in die 1990er Jahre ging man in der Schweiz davon aus, dass die Herkunftssprache das Erlernen der neuen Sprache verhindere. Man hielt Eltern dazu an, mit ihren Kindern Deutsch zu sprechen, auch wenn sie es fehlerhaft sprachen. Zum Glück ist man heute von dieser Praxis abgekommen und vertritt eher das Gegenteil: Ein Kind muss erst seine Herkunftssprache richtig beherrschen, um dann eine weitere Sprache lernen zu können.
Sprache würde ich transversal verstehen (also, als Mittel zum Zweck). Das heisst, sie kann (muss aber nicht nur) verschiedene Bereiche von Integration unterstützen. Sprache an und für sich ist ja noch nicht gleich Integration. Aber Sprache kann helfen, eine Arbeit zu finden, Kontakte zu knüpfen und am öffentlichen Leben teilzunehmen.
In der Diskussion wird oft vergessen, dass nicht alle Menschen die gleichen Fähigkeiten haben, eine Sprache zu lernen. So fällt es älteren Personen schwerer, eine neue Sprache zu erlernen. Personen, die Arabisch, Russisch, Persisch oder Tamilisch sprechen, müssen nicht nur eine neue Sprache, sondern auch ein neues Alphabet lernen. Sprachkurse, die über das B1-Niveau hinausgehen, müssen selbst bezahlt werden, was teuer ist. Hinzu kommt, dass in der Schweiz Hochdeutsch gelernt wird, im Alltag jedoch Schweizerdeutsch gesprochen wird. Außerdem gibt es Berufe, in denen Sprache weniger wichtig ist oder in denen man sich auch auf Englisch oder in der Herkunftssprache verständigen kann. Wie Sie sehen, ist es ein sehr vielschichtiges Thema.
Ich denke, in Ihrer Arbeit müssten Sie daher zuerst bestimmen, welches Verständnis Ihre Interviewpartner:innen von Integration haben. Schauen Sie sich auch die Definition vom Bund an. Dann sollten sie aufzeigen, welche Rolle die Sprache für die Integration in der Schweiz einnimmt (Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Bildungsangeboten, Einbürgerung).
In den Gesprächen mit den Fachleuten sollten Sie keine Ja-Nein-Fragen stellen. Fragen Sie vielmehr nach ihrem Verständnis und ihren konkreten Erfahrungen. Ich finde es gut, dass Sie beide Seiten betrachten und auch mit den kursteilnehmenden Migrant:innen sprechen, um zu erfahren, wie sie den Spracherwerb erlebt haben.
Ich kann ihnen Ihnen folgende Literatur empfehlen:
Wenn sie auf Google Scholar nach "Sprache und Integration" suchen, erhalten Sie einige gute Texte auch zum Kontext der Schweiz.
Kritisch mit dem Thema setzen sich auseinander:
Alles Gute für Ihre Arbeit!
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