Welche Faktoren fördern oder behindern die soziale Inklusion von Unbegleiteten Minderjährigen Asylsuchenden (UMAs) in der Schweiz?
Lieber Herr Pocas
Die Integration von minderjährigen Asylsuchenden ist eng verzahnt mit dem Kindesschutz und der Migrationspolitik. Nach dem Kinderrecht muss in der Schweiz jede:r Minderjährigen das Kindswohl garantiert werden, unabhängig der Herkunft. Die Forschung beobachtet aber, dass dies für UMAs nicht immer der Fall ist.
Für die jungen Asylsuchenden und die sie begleitenden Sozialearbeiter:innen ist der unsichere Ausgang des Asylverfahrens eine der grössten Herausforderungen. Sie wissen nicht, ob die UMAs in der Schweiz verbleiben können, wenn sie 18 Jahre alt werden. Junge Asylsuchende bekommen in der Regel den Status “vorläufige Aufnahme”. Sobald sie 18 Jahre alt sind, erhalten sie oft einen negativen Asylentscheid. Zukunftspläne sind daher schwierig. Es ist schwierig, eine Lehrstelle zu finden, wenn die Arbeitgeber unsicher sind, weil die Person keinen langfristigen Aufenthaltstitel hat. Es kann an Motivation fehlen, die Sprache zu lernen, wenn man vielleicht in 2 Jahren das Land schon wieder verlassen muss. Folglich liegt auch für die Sozialarbeitenden der Fokus darauf, kurzfristige Ziele zu erreichen, die einen Asylentscheid positiv beeinflussen können.
Da die meisten UMAs zwischen 16 und 17 Jahren alt sind, wenn sie in die Schweiz kommen, profitieresn sie nur knapp 2 Jahre von dem besonderen Schutz durch die Kinderrechte. Integration braucht aber Zeit: Sprache lernen, neue Freunde finden, das System verstehen, …, das alles braucht Jahre. Für die Begleitung der UMAs wäre also zentral, dass sie über das 18. Lebensjahr hinaus betreut werden. Man ist ja nicht einfach selbständig und erwachsen, nur weil man 18 Jahre alt geworden ist. Um ihre Integration zu unterstützen, sollten sie UMAs mit 18 Jahren nicht in Asylunterkünfte für Erwachsene gebracht werden (wie das oft der Fall ist), sondern weiterhin von JugendarbeiterInnen betreut werden, bis sie selbständig sind.
Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass die UMAs ganz unterschiedliche Bedürfnisse haben. In einer Untersuchung haben wir beobachtet, dass Sozialarbeitende in der Regel zu viele Aufgaben im Alltag der Jugendlichen übernehmen müssen. Sobald volljährig, sind die jungen Menschen überfordert, wenn sie plötzlich alles alleine machen müssen (Arztbesuch regeln, Einkaufen, Wohnung in Ordnung halten, Miete zahlen,…). Es gibt UMAs, die sehr selbständig sind und vieles gerne allein regeln und auch alleine wohnen wollen. Derweil brauchen andere UMAs eine Person, die die “Elternrolle” übernimmt. Man spricht hier von “”relationaler Vulnerabilität”, also einer Verletzlichkeit, die sich je nach biographischen Erfahrungen anders gestaltet.
Soziale Integration bedeutet, dass die neuangekommene Person dauerhafte soziale Beziehungen aufbauen kann. Hier spielt der Spracherwerb eine zentrale Rolle (siehe hierzu auch mein Post an anderer Stelle). Aber Sprache lernt es sich besser mit sozialen Kontakten als nur in einem Sprachkurs (so geht es Ihnen wahrscheinlich auch). Also wäre es sehr wichtig, dass die UMAs möglichst rasch in Kontakt kommen mit anderen Schweizer Jugendlichen. Häufig werden sie aber in getrennte Asylunterkünfte für minderjährige Asylsuchende (und nicht mit anderen Jugendlichen) und oft auf dem Land untergebracht, wo sie unter sich bleiben.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das langwierige Asylverfahren, der unsichere Status der vorläufigen Annahme, sowie die Unterbringung in ländlichen Gebieten die soziale Integration der UMAs behindern. Die Integration von UMAs sollte langfristig gedacht werden über ihr 18. Lebensjahr hinaus und es sollte stärker auf die individuellen Bedürfnisse der Jugendlichen geachtet werden. Die soziale Integration der UMAs hängt davon ab, wie offen die Gesellschaft ist, diese jungen Menschen aufzunehmen und ihnen Möglichkeiten zur persönlichen und beruflichen Entfaltung zu geben. Hier ist es zentral, Begegnungsräume mit der lokalen Bevölkerung zu schaffen. Ein Beispiel hierfür ist der Verein PUMA in Basel (https://www.vereinpuma.ch), der Partnerschaften zwischen UMAs und der Bevölkerung fördert.
Weiterführende Literatur:
Falls Sie das Thema interessiert, hier ein Text, den ich mit einer Kollegin geschrieben habe: Gilliéron, G., & Jurt, L. (2017). Ein Übergang mit Herausforderungen: Erfahrungen ehemaliger, unbegleiteter, minderjähriger Asylsuchenden. Soziale Passagen, 9(1), 135–151. https://doi.org/https://doi.org/10.1007/s12592-017-0253-6
Und hier noch den Text zur “relationalen Vulnerabilität”, seite 5-14 beschreibt sehr anschaulich der Werdegang von 2 UMAs: Mörgen, R., & Rieker, P. (2021). Vulnerabilitätserfahrungen und die Erarbeitung von Agency: Ankommensprozesse junger Geflüchteter. Gesellschaft – Individuum – Sozialisation. Zeitschrift Für Sozialisationsforschung, 2(1), 1–16. https://doi.org/10.26043/giso.2021.1.3
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