Naim Lüthy

Naim Lüthy

hat gefragt

Warum wird Bahnwärter Thiel nicht als Mörder verurteilt?

thiel.webp
Naim Lüthy

Naim Lüthy

03.05.2024

Liebe Forscher:in


meine Frage betrifft das Buch "Bahnwärter Thiel". Am Ende wird Thiel nach dem Mord an seiner Frau und seinem Kind ohne grosses Nachfragen als verrückt abgestempelt und in ein Klinikum gebracht.


Für mich war dieser Abgang nicht verständlich, da die Mitmenschen von Thiel viel weniger über ihn wissen als die Leser:innen. Dementsprechend sollte es sich eigentlich um einen Mordfall erster Güte handeln. Ist dies noch irgendwie erklärt oder einfach ein stilistisches Mittel? Meine Lehrerin konnte mir dafür leider nur eine vage Antwort geben.


Mit herzlichen Grüssen

Lieber Naim Lüthy,


vielen Dank für die interessante Frage, die auf eines der zentralen Themen, die Hauptmann mit seiner «novellistischen Studie» aufgreift, zielt.


Tatsächlich widmen sich der "Bestrafung" Thiels, d.h. der Einlieferung in eine psychiatrische Anstalt, gerade mal zwei Sätze ganz am Schluss. Allerdings steht die Täterschaft nie in Frage – d.h. es geht nicht wie im klassischen Krimi darum, wer die Tat begangen hat –, vielmehr liegt der Fokus von Anfang an ganz auf der Frage, wie es zu der Tat gekommen ist.


Dass Thiel am Schluss nicht als Mörder verurteilt, sondern als psychisch Kranker interniert wird, dürfte damit zu tun haben, dass er von den Behörden als unzurechnungsfähig und damit als schuldunfähig eingestuft wird. In Frage steht nicht die Schuld im Sinn von Täterschaft, sondern die Schuldfähigkeit des Täters, d.h. ob der Täter aufgrund seines psychischen Zustands überhaupt für seine Tat verantwortlich gemacht werden kann.


In der Darstellung Hauptmanns trägt Thiel Merkmale einer psychischen Erkrankung (etwa die Halluzinationen) und befindet sich wegen dem Tod seines älteren Sohnes in einer akuten Krisensituation, am Schluss wird er als "Irrsinniger" und "Kranker" bezeichnet. Auch heute sieht das Strafrecht vor, dass aufgrund einer festgestellten Schuldunfähigkeit anstelle einer Strafe eine therapeutische Massnahme angeordnet werden kann.


Allerdings müsste man präzisieren, dass der Text letztlich offenlässt, ob Thiel langfristig in der Psychiatrie verwahrt bleibt oder ob ihm noch der Prozess gemacht wird, in dem aber sehr wahrscheinlich auch seine Zurechnungs- bzw. Schuldfähigkeit geprüft würde.


Wenn Sie Ihre spannende Frage weiterverfolgen möchten, könnten Sie prüfen, welche Hinweise auf Thiels Unzurechnungsfähigkeit sich wann im Text finden lassen. Anregungen geben Ihnen selbstverständlich auch die Kommentare und Interpretationen zu diesem berühmten Werk von Gerhart Hauptmann, die Sie in einer grösseren Bibliothek finden sollten.


Ich hoffe, diese Angaben helfen Ihnen weiter und wünsche Ihnen weiterhin viel Spass bei der Interpretation des Textschlusses.


Mit besten Grüssen,

Lucas Gisi

Redaktion

[email protected]

Brunnmattstrasse 3
CH-4053 Basel
+41 78 847 76 51
+41 61 421 21 82

Partner:innen

Gebert Rüf Stiftung Ernst Göhner Stiftung Akademien der Wissenschaften Schweiz

Mehr Wissen für mehr Menschen.

© savoir public 2024