Wie kann man nahestehende Menschen unterstützen, die glauben, sie könnten 5G und Mobilfunkstrahlung wahrnehmen und diese würde ihnen schaden? Es gibt ja keine wissenschaftliche Evidenz für die Existenz solch negativer Effekte. Was tun, wenn so ein nahestehender Mensch für wissenschaftliche Fakten resistent zu sein scheint?
Das ist natürlich eine ungemein schwere Frage, insbesondere weil sie keine reine Wissensfrage ist, sondern auf eine Veränderung im Verhalten einer Person abzielt, von der hier keinerlei Information zugänglich ist (und auch nicht sein soll).
Um den Sachverhalt pointiert zu beschreiben: Wir alle haben eine selektive Wahrnehmung. Das heißt, aus all den in unserer freien Gesellschaft zugänglichen Informationen suchen wir uns die aus, die zu unserer subjektiven Identität am besten passt. Zudem sind wir alle auch Gruppenmenschen und passen uns dem Milieu, dem wir uns zugehörig fühlen, mit unserer Meinung an. Nicht nur Meinungen sind davon betroffen, sondern auch Verhalten. Zum Beispiel, um ein unpolitisches Thema zu nehmen, wird man selbst, wenn man von vielen Aktivsportbegeisterten umgeben ist, sich selber mehr bewegen, ohne dass man diesen Zusammenhang unbedingt erkennen muss. In der Mode zeigt sich dies auch. Weil die Menschen eines Milieus, dem man sich zuordet, sich so kleiden, Haarschnitte haben, bestimmte Mützen und Brillen tragen, verwandelt sich der Einzelne äußerlich und meinungsbildend ebenfalls.
Es könnte also sein, dass die Person, die Sie kennen, in einem Bekanntenkreis verkehrt, in dem das Thema Mobilfunkstrahlung besonders emotional diskutiert wird. Da ist eine Analogie hilfreich. Der Alkoholiker, der abstinent werden möchte, sollte sich von seinen Trinkkumpanen fern halten. Sie sehen, wie schwierig dies bei gesellschaftlichen Themen ist, wenn der Bekanntenkreis aus Aktivisten der Mobilfunkstrahlungsszene besteht. Zudem haben wir mit den digitalen Medien Verstärker der eigenen Meinung. Die selektive Wahrnehmung macht, dass vor allem die einen selbst bestätigenden Informationen gelesen werden.
Manchmal sind es Katastrophen, die z. B. im Technologiebereich oder in der Politik für eine plötzliche Wendung sorgen. Nur wird sich dies bei der Frage der Mobilfunkstrahlung nicht ergeben. Das ist die Stärke von manchen Verschwörungstheorien, dass sie zwar nie eine wissenschaftliche Bestätigung erfahren aber auch nie eine Widerlegung. Weil, man könnte auch (oft zurecht) bei wissenschaftlichen Studien sagen, dass sie nicht richtig konzipiert sind. Das zeigt, dass mit rationalen Argumenten wenig zu erreichen ist. Der Wechsel des Bekanntenkreises wäre viel effektiver. Nur das liegt nicht in ihrer Hand.
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