Lieber Forscher/in
Ich untersuche das Thema der Demokratie in der Schweiz. Ab 1848 waren wir eine Demokratie, so heisst es zumindest.
Doch lässt sich eine Demokratie von einem Tag auf den anderen einführen? Wie war das damals in der Schweiz: Wie vorbereitet war das Volk auf die Demokratie? Gab es Proteste gegen ihre Einführung? Lehnten Leute in höheren Rängen die Demokratie ab?
Liebe Ella,
das ist eine sehr wichtige Frage in der Geschichte der Demokratie.
Es kommt zunächst darauf an, was man unter "Demokratie" (also Herrschaft des Volkes) versteht - und darüber gibt es viele Debatten!
Wie weit gehen beispielsweise die politischen Rechte? Wer bestimmt mit im politischen System und geniesst die damit verbundenen Freiheiten? Ab 1848 durften alle "Schweizer Bürger" wählen und abstimmen. Das aber schloss die Schweizer Frauen aus. Hier ein erweiterter Definitionsvorschlag und eine historische Einbettung von Andreas Suter und Georg Kreis im Historischen Lexikon der Schweiz: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/009926/2021-02-17/
Deine Frage stellt sich trotzdem gut für 1848. Ich würde sie auf die Neuerungen der damals eingeführten Bundesverfassung beschränken, insbesondere auf das allgemeine Stimm- und Wahlrecht der Männer für die neuen repräsentativen Institutionen auf Bundesebene (National- und Ständerat). Die Bundesverfassung ist dabei das Ergebnis komplexer Kompromisse nach dem Sonderbundskrieg. Sie wurden getroffen zwischen Freisinnigen und Katholisch-Konservativen, betrafen darüber hinaus Forderungen nach mehr oder weniger Partizipationsmöglichkeiten. Für wen sollten sie gelten und wie sollten sie funktionieren? Gleichzeitig knüpften viele Neuerungen an Debatten auf kantonaler Ebene in früheren Jahrzehnten an. Zu diesen Konflikten empfehle ich dir ein spannendes Buch von Jo Lang (Demokratie in der Schweiz, Geschichte und Gegenwart, 2020).
Zu deiner Frage, wie schnell/leicht sich diese Veränderungen vollzogen haben: Zunächst kann man sagen, dass es vor allem auf kantonaler Ebene lange Zeit Einschränkungen der demokratischen Rechte gab. Jüdische Bürger durften erst ab 1866 wählen. Auch mussten die Bürger erst lernen, was es heisst, zu wählen (und abzustimmen). Diese Verfahren mussten sich erst standardisieren. Wahlkabinen zum Beispiel sind eine Erfindung des späten 19. Jahrhunderts, die viele Länder übernommen haben, um Wahlbetrug zu bekämpfen. Siehe dazu einen kurzen Blogeintrag:https://www.atlasobscura.com/articles/voting-booths-were-a-radical-19th-century-reform-to-stop-election-fraud
Ich hoffe, das hilft!
Herzliche Grüsse
Zoé Kergomard
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