Inwiefern beeinflusst die klinische und psychoneurologische Forschung zur Depersonalisation und Derealisation das Verständnis von ‚authentischem Selbst‘ in der Philosophie der Identität? Gibt es Parallelen oder Konflikte zwischen klinischen Erfahrungen, naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und philosophischen Theorien?
Die Erkenntnisse der Neuropsychologie wurden in der Philosophie des 20. und 21. Jahrhunderts breit rezipiert und z. T. auch kontrovers diskutiert. Dabei wurde die Debatte darüber, ob es als Phänomen des Bewusstseins ein "authentisches Selbst" und eine "Identität" gibt, wie sie definiert werden können und was es bedeutet, authentisch zu sein und "dieselbe Person" zu bleiben, in den letzten Jahrzehnten stark im Hinblick auf die Erkenntnisse der Neuropsychologie geführt. Es gibt dazu eine breite Literatur, die ich selbst nicht überblicken kann. Die Ergebnisse dieser Diskussionen sind jedoch keineswegs eindeutig und lassen sich nicht einfach zusammenfassen.
Sie fragen speziell nach Depersonalisation und Derealisation. Darunter versteht die Psychiatrie eine Bewusstseinsstörung, die durch schwere psychische Belastungen und Traumata ausgelöst werden kann. Laut einer medizinischen Erklärwebsite handelt es sich dabei um
"ein anhaltendes oder immer wiederkehrendes Gefühl, vom eigenen Körper oder Denken (Depersonalisation) und/oder von der eigenen Umgebung (Derealisation) losgelöst zu sein." (Quelle: MSD Manual)
Sie sprechen also von einem ganz speziellen, sehr dramatischen Phänomen – genauer gesagt, von einer krisenhaften Bewusstseinserfahrung, die für die betroffenen Personen und ihr Umfeld irritierend und schwer einzuordnen sein kann. Die Neuropsychologie kann hierzu vermutlich auch keine bessere Erklärung bieten, selbst wenn sich im Gehirn Anzeichen dafür finden lassen, dass in verschiedenen funktionalen Hirnregionen etwas geschieht. Die zentrale Frage ist – ähnlich wie bei einer Dissoziation: Wer ist die wirkliche Person? Muss die Person immer einheitlich, kohärent und kontinuierlich sein?
Oder müssen wir vielmehr sagen, dass die wirkliche Person aus allen Teilaspekten besteht, die in bestimmten Momenten auseinanderzutreten scheinen? Das als "Störung" beschriebene Phänomen ist möglicherweise ein Schutzmechanismus – ein Weg, mit einer ansonsten unerträglichen Verletzung überhaupt leben zu können. Vielleicht handelt es sich auch um eine Strategie des Selbst, das Überleben zu sichern, um das Erlebte später besser verarbeiten zu können.
Für mich zeigen diese Phänomene eindrücklich, dass unsere Vorstellungen vom Bewusstsein als einem kohärenten Strom, der wie ein Fluss immer derselbe bleibt (auch wenn sich die Inhalte des Bewusstseinsstroms – wie das Wasser im Fluss – ständig verändern), viel zu simpel sind. Wir sind mehr als unsere Bewusstseinsoberfläche. Und das, was darunter liegt, gehört ebenso zu uns. Menschen, die Depersonalisation oder Derealisation erleben, erfahren einen Bruch – aber auch dieser Bruch gehört zu ihnen. Er wird zwar als Identitätsbruch erlebt, ist aber ein Teil der Identität selbst.
Ähnliches ließe sich vielleicht über die Vorstellung eines authentischen Selbst sagen. Auch ohne extreme Erfahrungen wie Depersonalisation und Derealisation ist es für uns selbst oft nicht leicht zu bestimmen, was unser authentisches Selbst eigentlich ist. Wir verstehen uns selbst nie vollständig. Wir sind immer eine Unendlichkeit. Gleichzeitig bemühen wir uns, für andere ein verlässliches Gegenüber zu sein, dem sie vertrauen können. Diese Aufgabe begleitet uns ständig – manchmal in besonders herausfordernder Weise, sodass psychotherapeutische Unterstützung notwendig wird.
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